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http://www.agrarbericht-2018.bayern.de/landwirtschaft-laendliche-entwicklung/vorbeugender-hochwasserschutz.html

Vorbeugender Hochwasserschutz

2016 gab es ein neues Hochwasserphänomen. Die Monate Mai und Juni prägte eine Wetterlage, bei der es nur geringe horizontale Luftdruckunterschiede gab. Luftmassenverlagerungen und Schauerzellen blieben lange ortsfest. Die Folge waren sehr kleinräumig begrenzte Starkniederschläge, die wiederum Sturzfluten mit immensen Schäden und leider auch Todesopfern auslösten. Besonders kritisch bei dieser Art von Ereignissen ist, dass es keine bzw. nur extrem kurze Vorwarnzeiten gibt und Evakuierungen zum Schutz von Leib und Leben nur äußerst schwer durchführbar sind. Die zunehmenden Starkregenereignisse mit zum Teil katastrophalen Folgen wie in Simbach im Jahr 2016 verdeutlichen die hohe Bedeutung des vorbeugenden Hochwasserschutzes insbesondere auch durch Wasserrückhalt in der Fläche. Sie veranschaulichen ebenfalls, wie wichtig der Erosionsschutz heutzutage auf landwirtschaftlichen Flächen ist.

Das Starkregenereignis in Simbach hat weiter gezeigt, wie wichtig die Auseinandersetzung mit dem Überlastfall und damit auch die Abkehr vom reinen Hochwasserschutz hin zum Hochwasserrisikomanagement ist.

Maßnahmenpaket „Vorbeugender Hochwasserschutz durch Wasserrückhalt in der Fläche“

Das Maßnahmenpaket des Bayerischen Staatsministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (StMELF) lässt sich in folgende Maßnahmengruppen zusammenfassen:

  • Vermeidung von schnellem Abfluss des Oberflächenwassers,
  • Wasserablaufverzögerung in Gräben und Tieflinien,
  • Verzögerung des Abflusses von Bodenwasser,
  • Schaffung gewässerbegleitender Retentionsflächen,
  • Schaffung von Retentions- bzw. Sedimentationsflächen für wild abfließendes Wasser- und Bodenmaterial in der landwirtschaftlichen Flur sowie
  • Hochwasserrückhaltung durch waldbauliche Maßnahmen.

Diese Maßnahmen können in Verfahren der Ländlichen Entwicklung, bei waldbaulichen Maßnahmen und im Rahmen des Bayerischen Kulturlandschaftsprogrammes bzw. Bayerischen Vertragsnaturschutzprogrammes gefördert und umgesetzt werden.

Die Flurneuordnung wird gezielt eingesetzt, um Rückhaltekonzepte in einem größeren Umfang in Zusammenarbeit mit der Wasserwirtschaftsverwaltung und den Grundstückseigentümerinnen und -eigentümern zu realisieren. Als wichtiger Baustein der Hochwasserschutzstrategie der Bayerischen Staatsregierung besteht eine Förderung zum Wasserrückhalt in der Fläche und für Gewässer dritter Ordnung. Dort, wo die Kommunen für den Ausbau und die Unterhaltung an Gewässern zuständig sind, fördert der Freistaat Bayern vertreten durch die Wasserwirtschaftsverwaltung Projekte des Hochwasserschutzes sowie der Gewässerrenaturierung im Rahmen der Richtlinien für Zuwendungen zu wasserwirtschaftlichen Vorhaben (RZWas). Der Schwerpunkt des Beitrags der Ländlichen Entwicklung liegt im Einsatz eines flächendeckenden Flächenmanagements (Landzwischenerwerb und gezielte Bodenordnung) sowie in der Finanzierung von naturnahen Maßnahmen im Bereich der Gewässer dritter Ordnung und der dezentralen Wasserrückhaltung in der Fläche. Auch die Initiative boden:ständig leistet hierzu wirksame Beiträge.

Auch stabile, naturnahe Mischwälder leisten einen Beitrag für den Hochwasserschutz. Der oberflächliche Wasserablauf ist geringer und erfolgt langsamer als bei anderen Landnutzungsformen. Waldböden speichern in hohem Maße Niederschläge an Ort und Stelle. Waldbäche sind in der Regel nicht begradigt und fließen sehr langsam. Bach- und flussbegleitende Auwälder ertragen nicht nur problemlos auch längere Überschwemmungen und sorgen wie ein Zwischenspeicher für einen langsamen Abfluss, sondern weisen besonders in der Hartholz-Aue auch einen guten Zuwachs an wertvollem Holz auf. Da bei Hochwasser keine oder nur geringe wirtschaftliche Schäden entstehen, sind standortgemäße Auwälder eine landeskulturelle, ökonomische und ökologisch ideale Form der Landnutzung in Überschwemmungsbereichen.

Wichtige Maßnahmen zum Erhalt oder Ausbau dieser Schutzfunktionen sind z. B.

  • die Waldmehrung, v. a. in gering bewaldeten Regionen und Überflutungsbereichen,
  • die Erhaltung der Waldfläche allgemein,
  • der Umbau von Nadelbaum-Reinbeständen in stabile, naturnahe und klimatolerantere Mischwälder,
  • die Schutzwaldpflege und -sanierung im Hochgebirge,
  • im Staatswald die Revitalisierung von Auwäldern, Renaturierung von Mooren sowie Anlage von Tümpeln und Feuchtbiotopen.

Im Berichtszeitraum wurde die Umsetzung der im Klimaschutzprogramm Bayern 2050 vorgesehenen Maßnahmen zum verstärkten Waldumbau (Ziel: 100 000 ha bis 2020, 200 000 ha bis 2030) und zur Stabilisierung des Bergwaldes (Bergwaldoffensive) weitergeführt und in den ostbayerischen Mittelgebirgen ausgeweitet (Waldinitiative Ostbayern). Beide kommen unmittelbar auch dem Hochwasserschutz zugute.

Nachhaltiger Hochwasserschutz

Die Hochwasserereignisse der vergangenen Jahre haben deutlich gezeigt, dass sich der von der bayerischen Wasserwirtschaftsverwaltung geplante und ausgeführte Hochwasserschutz bewährt hat, aber auch langfristig konsequent fortgesetzt werden muss.

Nach katastrophalen Überflutungen hat die Staatsregierung beschlossen, die Anstrengungen im Hochwasserschutz weiter zu forcieren und den Schutz der Menschen in Bayern vor den Naturgewalten noch schneller zu verbessern. Die bewährte bayerische Hochwasserschutzstrategie wurde zu einem Aktionsprogramm Hochwasserschutz 2020plus (AP 2020plus) erweitert und neu ausgerichtet. Mit einem Gesamtvolumen von jetzt 3,4 Mrd. € stellt das AP 2020plus nun das größte wasserbauliche Infrastrukturprogramm Bayerns dar. Zudem wurden die technisch-strategischen Eckpunkte des Programms neu ausgerichtet. Die Widerstandsfähigkeit der Hochwasserschutzanlagen gegen Extremereignisse wird erhöht und systemrelevante Deiche überströmungssicher gestaltet. Weiterhin werden intensive Restrisikobetrachtungen angestellt und auch das Rückhaltekonzept überarbeitet. Ein bayernweites System gesteuerter Flutpolder soll das Rückgrat des technischen Hochwasserschutzes bilden.

Für den Betrieb staatlicher Flutpolder und sonstige gesteuerte Rückhaltebereiche werden in erheblichem Umfang land- und forstwirtschaftlich genutzte Grundstücke in Anspruch genommen. Grundsätze für faire Entschädigungsleistungen zur Nutzung dieser Grundstücke wurden von einer interministeriellen Arbeitsgruppe erarbeitet.

In Folge der Sturzfluten im Jahr 2016 wurde im Kabinett in der Klausurtagung vom 26. - 30.07.2016 in St. Quirin die Erweiterung des AP 2020plus um eine Komponente „Sturzfluten“ beschlossen mit spezieller Ausrichtung auf kleinere Gewässer und lokale Starkregenereignisse.

Die Interessen der Landwirte und Waldbesitzer werden durch die im Jahr 2013 an den Regierungen eingerichteten „Gruppe Landwirtschaft und Forsten – Hochwasserschutz“ (GLF) kompetent in den Planungsprozess und bei der Umsetzung der konkreten Maßnahmen eingebracht.