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http://www.agrarbericht-2018.bayern.de/landwirtschaft-laendliche-entwicklung/herausforderungen-in-der-nutztierhaltung.html

Herausforderungen in der Nutztierhaltung

Rund drei Viertel ihres Einkommens erwirtschaften bayerische Landwirte aus der Nutztierhaltung (einschließlich Futterpflanzen). Über 76 000 der landwirtschaftlichen Betriebe in Bayern halten Tiere1). Sie versorgen die Bevölkerung mit hochwertigen Nahrungsmitteln und pflegen und erhalten die Kulturlandschaft. Gleichzeitig gerät die Tierhaltung aber immer stärker in das Bewusstsein der Verbraucher und die gesellschaftlichen Anforderungen an eine tiergerechte Nutztierhaltung steigen.

Maßnahmen zur weiteren Verbesserung der Tierhaltungsbedingungen wie der Runde Tisch für tiergerechte Nutztierhaltung, intensiver Wissenstransfer und Forschung, Fördermaßnahmen sowie Beratung zum Tierwohl werden vom Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (StMELF) koordiniert und gefördert.

Anbindehaltung

In der Rinderhaltung stehen freie Bewegung und das Ermöglichen natürlicher Verhaltensweisen an vorderster Stelle der Tierwohlvorstellungen. Moderne, großzügige Laufställe mit verschiedenen Funktionsbereichen (Liegen, Laufen, Fressen, Melken) können diese Anforderungen erfüllen.

Bayern mit seiner bäuerlichen Familienbetriebsstruktur weist noch einen Anteil von ca. 60 % Betriebe mit Anbindehaltung auf, davon 48 % mit ganzjähriger Anbindehaltung2). Der kontinuierliche Strukturwandel durch Aufgabe der Milchviehhaltung, vor allem bei kleineren Betrieben, ändert die Situation aber stetig zugunsten besserer Haltungsformen.

Staatliche Investitionsförderung über das Programm Einzelbetriebliche Investitionsförderung (EIF) unterstützt die Betriebe bei der Umstellung zur Laufstallhaltung. Im Berichtszeitraum wurden dafür insgesamt 51 Mio. € Fördermittel bewilligt (30 % Zuschuss). Kleinere Baumaßnahmen zur Umstellung auf Laufstallhaltung mit zuwendungsfähigen Ausgaben bis zu 150.000 € sind in einem vereinfachten Verfahren über das Bayerische Sonderprogramm Landwirtschaft (BaySL) förderfähig (aktuell mit ebenfalls 30 % Zuschuss).

Einer Umstellung zur tierfreundlichen Laufstallhaltung stehen unter Umständen emissions- und baurechtliche Regelungen entgegen. Diese Hemmnisse will das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) im Rahmen der Nationalen Nutztierhaltungsstrategie in der aktuellen Legislaturperiode einer Lösung zuführen.

Schweinehaltung

Insbesondere die relativ kleinstrukturierte, bäuerlich geprägte Ferkelerzeugung in Bayern ist erheblich davon betroffen, die Haltungsverfahren an die sich laufend ändernden gesetzlichen Regelungen anzupassen. Nach der 2013 notwendig gewordenen Umstellung bei tragenden Sauen auf Gruppenhaltung musste 2016 das Platzangebot in der Ferkelaufzucht erhöht werden. Die Auswirkungen auf die Struktur der Ferkelerzeugung waren erheblich.

Mit dem sogenannten Magdeburger Urteil zur Kastenstandhaltung von Sauen wurde ein übliches Verfahren zur Haltung von Sauen im Deckzentrum für nicht mit dem Wortlaut der Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung in Einklang stehend erklärt. Vor diesem Hintergrund setzt sich Bayern auf Bundesebene für praxisgerechte Lösungen mit ausreichend langem Bestandschutz für bestehende Deckställe ein.

Ab 1. Januar 2019 ist nach geltendem Recht die betäubungslose Ferkelkastration in Deutschland verboten. Eine vom StMELF zusammen mit Baden-Württemberg in Auftrag gegebene Folgenabschätzung kommt zum Ergebnis, dass die Ferkelerzeuger in Süddeutschland mit erheblichen Zusatzkosten für die Kastration unter Betäubung zu rechnen haben. Die derzeit bekannten Alternativen, d. h. die Jungebermast, die Kastration unter Inhalationsnarkose und die Impfung gegen Ebergeruch können nicht für alle Betriebe und Vermarktungswege als Optimallösung angesehen werden. Gerade für die in Bayern üblichen Bestandsgrößen könnte die Kastration mit Lokalanästhesie der Ferkel durch den Landwirt (sog. 4. Weg) eine tierschutzgerechte, praktikable und wirtschaftlich tragbare Alternative sein. Aus diesem Grund setzt sich Bayern intensiv für die Weiterverfolgung des 4. Weges ein.

Ohne praktikable Lösungen mit Augenmaß droht ein beschleunigter Strukturwandel bis hin zum Wegbrechen der Ferkelerzeugung in Bayern und in ganz Süddeutschland. Schon heute werden rd. 1,7 Mio. Ferkel pro Jahr zur Mast nach Bayern verbracht. Ergänzend zu den genannten Maßnahmen auf Bundesebene wurden in Bayern die Ämter für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (ÄELF) beauftragt, den Schwerpunkt ihrer Beratung im Bereich Schweinehaltung auf die Ferkelerzeugung zu legen. Darüber hinaus unterstützt Bayern speziell Investitionen im Bereich der Ferkelerzeugung mit einem erhöhten Fördersatz von 30 %. Ziel ist es, den schweinehaltenden Betrieben, insbesondere den Ferkelerzeugern, verlässliche Rahmenbedingungen und Planungssicherheit zu bieten und so ein Abwandern der Erzeugung ins Ausland zu verhindern.

Geflügelhaltung

Kupieren des Schnabels bei Legehennen
Die bayerischen Legehennenhalter hatten sich bereits im Juni 2015 mit Unterzeichnung der "Gemeinsamen Erklärung zur Rolle der Tierhaltung und zur Verbesserung des Tierwohls in der bayerischen Landwirtschaft" dazu verpflichtet, den Verzicht auf die Schnabelbehandlung in Praxisbetrieben zu erproben. Sie wurden dabei von der staatlichen Fachberatung unterstützt. Die Daten wurden von Wissenschaftlerinnen des Lehrstuhls für Tierschutz der tiermedizinischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München ausgewertet und die Ergebnisse in Workshops und Beratungsunterlagen allen Tierhaltern zugänglich gemacht. So konnten alle von den Erfahrungen der 'Pioniere' profitieren. Darüber hinaus wurden vom Lehr-, Versuchs- und Fachzentrum (LVFZ) für Geflügel- und Kleintierhaltung in Kitzingen spezielle Futtermischungen getestet und wichtige Erkenntnisse zur optimalen Futterstruktur für nicht schnabelkupierte Legehennen erarbeitet (Forschungsprojekt finanziert durch die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE)). Legehennen mit unbehandeltem Schnabel müssen sorgfältig beobachtet und intensiv beschäftigt werden (z. B. mit Picksteinen, Sandbademöglichkeiten, Heuraufen), um Verhaltensstörungen zu vermeiden. Für die Tierhalter bedeutet das einen zeitlichen und finanziellen Mehraufwand von ca. 1,4 Cent je Ei.

Kupieren des Schnabels bei Puten
Bei Puten liegen noch keine ausreichenden wissenschaftlichen Erkenntnisse vor, die einen Verzicht auf diesen Eingriff erlauben würden. Am LVFZ für Geflügel- und Kleintierhaltung in Kitzingen werden Versuche mit Schleifscheiben durchgeführt, die den natürlichen Schnabelabrieb beschleunigen (sogenanntes „blunting“). Die Häufigkeit und Intensität von Pickverletzungen bei nicht schnabelkupierten Puten konnte durch dieses Bluntingverfahren reduziert werden.

Töten männlicher Küken der Legerassen
Alternativen für diese Praxis sind die Aufzucht der Bruderhähne, die Geschlechtserkennung im Ei und das Zwei-Nutzungs-Huhn. Derzeit liegt der Fokus auf der Geschlechtserkennung im Ei; das Verfahren steht kurz vor der Praxisreife. Im Öko-Landbau wird dagegen die Mast von Bruderhähnen über einen Mehrpreis für die Eier subventioniert. Untersuchungen mit Zwei-Nutzungs-Hühnern zeigen noch Verbesserungsbedarf vor allem bei der Mastleistung. Im Nischenbereich werden auch diese Rassen eingesetzt. Voraussetzung ist eine gute Vermarktung.

1) Quelle: Integriertes Verwaltungs- und Kontrollsystem (InVeKoS).
2) Quelle: Bayer. Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL).